Kyoto steht auf der Bucketlist vieler Fotografen. Kein Wunder, so wimmelt es in der ehemaligen japanischen Hauptstadt doch vor Tempeln, Pagoden, kleinen Gässchen und sonstigen Sehenswürdigkeiten aller Art die nur darauf warten, erkundet und fotografiert zu werden. Warum also war ich mit meinem Besuch dort nicht zufrieden?
Grund 1: Menschen
Japan ist voller Menschen. Das war mir klar, als ich die Flüge gebucht habe. Aber Japan ist auch voller Ordnung. Ich habe immer noch sehr angenehme Erinnerungen an das eine Mal, als ich zur Feierabend-Rushhour am Bahnhof Shinjuku unterwegs war. Shinjuku ist der verkehrsreichste Bahnhof der Welt, mit über dreieinhalb Millionen Fahrgäste pro Tag. Das ist, als würden alle Einwohner Berlins an einem Tag durch diesen Bahnhof reisen. Täglich. Aber trotzdem war es dort nicht chaotisch, nicht laut und es wurde nicht gedrängelt. Jeder einzelne hat sich in eine der unzähligen Menschenströme eingereiht, die sich den Weg zu einem der vielen Bahnsteige bahnen. Es war voll, aber es hatte Ordnung und man kam komplett stressfrei dahin, wo man hin wollte.
Warum erzähle ich das so ausführlich? Nun ja, weil Kyoto das komplette Gegenteil davon ist. Die Massen an Touristen lassen alles vermissen, was Japan zu einem so angenehmen Ort macht. Touristen ziehen ohne Rücksicht auf Verluste mit großen Koffern durch enge Gassen und quetschen sich in die überfüllen Verkehrsmittel, es wird gerempelt, geschubst und gedrängt. Respekt ist ein Fremdwort. Sie setzen sich auf die Treppen vor einem Tempel und essen zu Mittag – und schauen dabei genau auf ein “bitte hier nicht setzen und essen”-Schild. Sie fuchteln mit ausgefahrenen Selfie-Sticks um sich, als wäre die Apokalypse ausgebrochen und müssten sich nun vor Zombiehorden fürchten. Es ist einfach nur anstrengend.


Grund 2: Verkehrsmittel
Es ist erstaunlich schwer, in Kyoto von A nach B zu kommen. Die wenigen U-Bahnen in Kyoto sind nicht darauf ausgelegt, Touristen zu den Sehenswürdigkeiten zu bringen.
Die Busse bringen einen hingegen zwar zu den Sehenswürdigkeiten, sind aber komplett überlastet. So kann es durchaus üblich, dass sich Passagiere an den Haltestellen anstellen und auf den zweiten oder dritten Bus warten müssen, bis sie einsteigen können.
Viele Touristen nehmen sich auch ein Taxi, um zum Beispiel direkt zum Kiyomizu-Tempel zu fahren, anstatt die 500 Meter von der Bushaltestelle dorthin zu laufen. Aber ob das angesichts der vielen Staus in der Stadt besser ist, sei dahingestellt.
All das führt dazu, dass es sehr zeitaufwändig ist, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu kommen, wenn man nicht einen genauen Plan hat, wann man was ansehen will und wie man wohin kommt. Da ich normalerweise eher spontan bin, hatte ich in Kyoto also etwas die A-Karte.
Grund 3: Fotografen
Schließlich gibt es noch den letzten Grund: Fotografen, zu denen ich mich auch selbst zähle. Ich muss lange nachdenken, um einen Ort zu finden, der mindestens genauso zu Tode fotografiert ist wie Kyoto. Jede Sehenswürdigkeit, jede Ecke, jeder Winkel der Stadt ist tausendfach in den sozialen Netzwerken zu finden. Und überall stehen Fotografen und warten darauf, “das eine” Foto von diesem und jenem Tempel zu schießen.
Das beste Beispiel hierfür ist Fushimi Inari, über den ich bereits einen gesonderten Bericht geschrieben habe. Die berühmte Allee aus roten Toriis direkt am Eingang wird von Fotografen belagert, die darauf warten, ein Bild der Tore ohne Menschen zu erhaschen. Ich habe mich dazugestellt und hatte Glück, da der Blick bereits nach wenigen Sekunden frei war. Aber wofür? Das Bild habe ich bereits unzählige Male auf Instagram gesehen.

Die Hokan-ji-Pagode ist ein weiteres sehr beliebtes – und zugegebenermaßen sehr schönes – Fotomotiv. Insbesondere der Blick auf die Pagode von Sannenzaka aus gehört gefühlt zur Bucketlist eines jeden Touristen, der nach Kyoto reist. Hier war es mir aber wirklich zu blöd, auf den perfekten Moment und einen freien Blick zu warten. Dafür habe ich, als ich am nächsten Tag erneut an der Pagode vorbeigekommen bin, ein Foto aus einer anderen Perspektive geschossen, das mir deutlich mehr gefällt, als das “Standard”-Foto.



Fazit
Wie immer gilt natürlich: Nur weil ich froh war, aus Kyoto wieder weg zu sein, heißt das nicht dass es dir genauso geht. Nichtsdestotrotz ist Kyoto wunderschön und für viele einen Besuch wert. Fushimi Inari war einer der schönsten Orte, die ich in Japan besichtigt habe, keine Frage. Kiyomizu-Dera war eindrucksvoll, ebenfalls keine Frage.
Aber ebenso steht es außer Frage, dass Kyoto – in meinen Augen zumindest – kein gutes Ziel für Reise- und Streetfotografen wie mich ist. Ich fand es frustrierend, dass sich keines meiner Fotos (bis auf 1, 2 Ausnahmen) nicht wie “meine” Fotos angefühlt haben, sondern lediglich wie Kopien von anderen Fotos, die ich bereits unzählige Male auf Instagram gesehen habe.
Ich will niemanden davon abhalten, selbst nach Kyoto zu kommen, aber man sollte sich bewusst sein, worauf man sich hier einlässt. Es ist essentiell, dass man sich vorab einen Plan erstellt, was man an welchen Tagen ansehen will und wie man möglichst effektiv in der Stadt von einem Ort zum nächsten kommt. Spontan tut man sich in Kyoto sehr, sehr schwer. Und einen Tipp zum Schluss: Tut euch einen Gefallen und denkt nicht einmal daran, zur Kirschblütenzeit zu kommen. Es ist in der Nebensaison schon voll genug. Das wollt ihr nicht.


